Posts Tagged 'Krankheitskosten'

Neues zur Nachweisbarkeit bei außergewöhnlichen Belastungen

Der Bundesfinanzhof (BFH) hat mit Urteil vom 19. April 2012 VI R 74/10 entschieden, dass die vom Gesetzgeber eingeführten formellen Anforderungen an den Nachweis bestimmter Krankheitskosten (für deren Anerkennung als außergewöhnliche Belastung) verfassungsrechtlich nicht zu beanstanden sind.

Nach § 33 Abs. 1 des Einkommensteuergesetzes (EStG) wird die Einkommensteuer auf Antrag ermäßigt, wenn einem Steuerpflichtigen zwangsläufig größere Aufwendungen als der überwiegenden Mehrzahl der Steuerpflichti-gen gleicher Einkommensverhältnisse, gleicher Vermögensverhältnisse und gleichen Familienstands (außergewöhnliche Belastung), erwachsen. Hierzu können auch Aufwendungen im Krankheitsfall gehören. Bestimmte Krank-heitskosten, bei denen die medizinische Notwendigkeit nicht offensichtlich ist, dürfen allerdings nur noch berücksichtigt werden, wenn der Steuerpflichtige ihre Zwangsläufigkeit z.B. durch ein amtsärztliches Gutachten nachweist. Eine entsprechende gesetzliche Regelung (§ 33 Abs. 4 EStG und § 64 der Einkommensteuer-Durchführungsverordnung) hat der Gesetzgeber durch das Steuervereinfachungsgesetz 2011 eingeführt. Der Gesetzgeber hat damit auf die Änderung einer langjährigen Rechtsprechung reagiert. Der BFH hatte 2010 dem seit jeher verlangten formellen Nachweis mangels einer gesetzlichen Grundlage eine Absage erteilt (BFH Urteile vom 11. November 2010 VI R 17/09 und VI R 16/09; Pressemitteilung Nr. 5 vom 19. Januar 2011).

Die Kläger machten u.a. die Kosten für einen Kuraufenthalt als außerge-wöhnliche Belastungen geltend. Sie hatten die medizinische Notwendigkeit der Kur jedoch nicht durch ein vor Kurbeginn ausgestelltes amtsärztliches oder vergleichbares Attest belegt. Finanzamt und Finanzgericht ließen die Aufwendungen deshalb nicht zum Abzug als außergewöhnliche Belastungen zu. Die Revision der Kläger war ebenfalls erfolglos. Auf die strenge Art des Nachweises kann nach geltendem Recht nicht (mehr) verzichtet werden. Die nun vom Gesetzgeber geregelten Anforderungen an den Nachweis bestimmter Krankheitskosten sind von Verfassungs wegen nicht zu beanstanden.

Auch der Umstand, dass die neuen Nachweisregelungen rückwirkend in allen noch offenen Fällen anzuwenden sind, ist verfassungsrechtlich unbedenklich; darin liegt keine unzulässige Rückwirkung.

Hinweis der Kanzlei Kastl (M.A.) & Kollegen:

Die Entscheidung des BFH kam für alle doch sehr überraschend und ist nicht unbedingt nachvollziehbar. Der BFH findet eine Gesetzeslücke zum Vorteil für die Steuerpflichtigen. Der Gesetzgeber schließt die Gesetzeslücke rückwirkend in allen noch offenen Fällen. Der BFH bestätigt dann auch noch das Handeln des Gesetzgebers und lässt das neue Gesetz ebenfalls rückwirkend in allen noch offenen Fällen zur Anwendung zu. Dies ist aus unserer Sicht sehr bedenklich und gibt ggf. Aufschluss darüber wie der BFH in Zukunft bei rückwirkenden Gesetzesänderungen entscheiden wird.

Steuerberater Patrick Lerbs
www.kastl-kollegen.de

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Praxisgebühr als Sonderausgabe abzugsfähig?

Der Bundesfinanzhof (BFH) hat mit Urteil vom 18. Juli 2012 X R 41/11 (veröffent-licht am 22. August 2012) entschieden, dass die Zuzahlungen in der gesetzlichen Krankenversicherung nach § 28 Abs. 4 des Sozialgesetzbuchs Fünftes Buch, die sog. „Praxisgebühren“, nicht als Sonderausgaben abgezogen werden können.
Gemäß § 10 Abs. 1 Nr. 3 Buchst. a des Einkommensteuergesetzes (EStG) können Steuerpflichtige „Beiträge zu Krankenversicherungen“ als Sonderausgaben abziehen. Darunter fallen jedoch nur solche Ausgaben, die zumindest im Zusammenhang mit der Erlangung des Versicherungsschutzes stehen, also letztlich der Vorsorge dienen.
Bei der „Praxisgebühr“ ist dies nicht der Fall, da der Versicherungsschutz in der ge-setzlichen Krankenversicherung unabhängig von der Zahlung der „Praxisgebühr“ gewährt wird. Sie stellt vielmehr eine Form der Selbstbeteiligung der Versicherten an ihren Krankheitskosten dar.

Hinweis der Kanzlei Kastl (M.A.) & Kollegen:

Die pro Quartal zu leistende Praxisgebühr in Höhe von 10 Euro (maximal 40 Eu-ro/Jahr) kann bisher als „Krankheitskosten“ im Bereich der außergewöhnlichen Be-lastung zum Ansatz gebracht werden.
Dort wird sich die Praxisgebühr in den meisten Fällen nicht auswirken, da die zu-mutbare Eigenbelastung in der Regel deutlich höher ausfällt.

Steuerberater Patrick Lerbs
www.kastl-kollegen.de